Landkreis Wolfenbüttel: Genug Grundwasser, aber kein Stufenplan für Dürre

Der Landkreis Wolfenbüttel hat ausreichend Grundwasser für den eigenen Bedarf. Das zeigt sein neues Wasserversorgungskonzept. Doch der größte Teil des im Landkreis geförderten Wassers fließt in Nachbarkreise. Ein Frühwarnsystem oder einen Stufenplan für lange Trockenheit hat der Kreis nach eigenen Angaben nicht.
Viel zu trocken und wenig Wasser in den Gewässern, etwa in der Innerste bei Sehlde (SG Baddeckenstedt) im Juni des Jahres. Foto: Landkreis WolfenbüttelSeit dem 24. Juli und noch bis zum 30. September gilt im Landkreis Wolfenbüttel eine Allgemeinverfügung der Unteren Wasserbehörde. Aus Bächen und Flüssen der zweiten und dritten Ordnung darf kein Wasser zum Bewässern und Beregnen entnommen werden. Das gilt auch für alle, die eine gültige wasserrechtliche Erlaubnis haben. Neu ist das nicht: Schon 2019, 2020, 2022, 2023 und 2025 musste der Landkreis die Wasserentnahme wegen Trockenheit einschränken. Ähnliche Regeln gelten in diesem Sommer auch in Braunschweig, Salzgitter und im Landkreis Goslar.
Wie der Landkreis Wolfenbüttel die Wasserversorgung auf Dauer sichern will, haben wir bei der Kreisverwaltung nachgefragt. Eigene Grundwasser-Messstellen habe der Landkreis nicht, heißt es in der Antwort. Die Grundwasserlage schätze der Niedersächsische Landesbetrieb für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz (NLWKN) ein. Der Landkreis stütze sich auf dessen Berichte und Online-Messwerte, auf Meldungen des Deutschen Wetterdienstes, die Warn-App NINA und die Medien. „Es gibt kein Frühwarnsystem“, teilt der Landkreis mit.
Wer in Trockenphasen wie viel Wasser entnehmen darf, richte sich allein nach den genehmigten Wasserrechten. Eine Rangfolge zwischen Trinkwasser, Landwirtschaft, Industrie und Natur gebe es nicht. Neue Anträge prüfe die Verwaltung im Einzelfall. Verbindliche Absprachen, nach denen Wasserversorger oder landwirtschaftliche Betriebe ihre Entnahmen bei Bedarf senken, gebe es ebenfalls nicht. Auch einen festen Stufenplan für anhaltende Trockenheit habe der Landkreis nicht. Konkrete Sparvorgaben für die Bevölkerung habe er bisher nicht gemacht. Informiert werde bei Bedarf über die Internetseite und die Allgemeinverfügung.
Konzept kostet 200.000 Euro
Mehr Klarheit soll das Wasserversorgungskonzept bringen. Der Kreistag hatte es 2020 beschlossen und 2021 dafür 200.000 Euro bereitgestellt. Nach dem Auftakt im August 2022 erarbeitete das Berliner Ingenieurbüro DHI WASY das Konzept. Die Abschlussveranstaltung fand am 16. Juni 2026 in der Lindenhalle statt. Der Landkreis gehöre damit zu den wenigen Kommunen in Niedersachsen, die ein solches Projekt aus eigenen Mitteln realisiert hätten, betont die Verwaltung.
Das Fazit des rund 300 Seiten starken Abschlussberichts: Die Trinkwasserversorgung im Landkreis ist aktuell gesichert. Den Wasserbedarf im Kreis beziffert das Gutachterbüro auf rund 9,4 Millionen Kubikmeter im Jahr. 95 Prozent davon entfallen auf Haushalte und Gewerbe. Der Trinkwasserbedarf des Kreises ändert sich laut Bericht bis 2100 kaum.
Das meiste Wasser verlässt den Kreis
Das meiste Wasser verlässt den Kreis: 2021 wurden im Landkreis Wolfenbüttel rund 21,6 Millionen Kubikmeter Grundwasser gefördert. 17,9 Millionen Kubikmeter gingen in Nachbarkreise, 5,7 Millionen Kubikmeter Harzwasser kamen hinzu. Übrig bleibt ein Bedarf im Kreis von rund 9,4 Millionen Kubikmetern. Quelle: Wasserversorgungskonzept Landkreis Wolfenbüttel, DHI WASY, Juni 2026 | Grafik: Wolfenbüttel MagazinGefördert wird allerdings mehr als das Doppelte. 2021 wurden im Kreisgebiet rund 21,6 Millionen Kubikmeter Grundwasser entnommen. Etwa 17,9 Millionen Kubikmeter gingen in Nachbarkreise, gut drei Viertel davon an Industrie und Großkunden. Im Gegenzug kamen rund 5,7 Millionen Kubikmeter Harzwasser in den Kreis. Nur 17 Prozent des im Landkreis geförderten Grundwassers werden laut Bericht auch hier verbraucht.
Das hat Folgen für die Reserven. Zwei der sieben Grundwasserkörper im Kreis haben schon heute eine angespannte Reserve. Grundwasserkörper sind die Einheiten, in die Behörden die Vorkommen unter der Erde einteilen. In den übrigen fünf liegt die Reserve jeweils unter einer halben Million Kubikmeter im Jahr. Ohne Gegensteuern könnten in einigen Grundwasserkörpern künftig keine neuen Wasserrechte mehr vergeben werden, heißt es im Bericht. Die Wasserrechte im Kreis summieren sich auf rund 24,4 Millionen Kubikmeter im Jahr. Nicht alle werden ausgeschöpft. Ungenutzte Rechte blockierten Kapazitäten für andere Nutzungen, schreiben die Gutachter.
Zwei Großentnehmer wollen mehr
Der Druck dürfte steigen. Avacon Wasser will seine Fördermenge von 4,9 auf 13 Millionen Kubikmeter im Jahr erhöhen, überwiegend als Ersatz für Harzwasser. Die Salzgitter Flachstahl GmbH plant eine Steigerung von 28 auf 31,5 Millionen Kubikmeter, hauptsächlich für die Wasserstoffproduktion. Das hatte das Umweltamt im November 2025 im Umweltausschuss dargelegt. Beide Verfahren sind offen. Der Abschlussbericht hat die geplanten Mengen in seinen Szenarien berücksichtigt. Für den Bedarf des Landkreises selbst wären sie nicht nötig, sie gingen zusätzlich in den Export.
Die Verfahren führt die Untere Wasserbehörde des Landkreises. Die öffentliche Wasserversorgung genießt dabei Vorrang. Einer Erhöhung könne die Behörde nur zustimmen, wenn keine negativen Folgen für den Naturhaushalt zu erwarten seien und der Bedarf nachgewiesen werde. Für die Anträge lassen die beiden Unternehmen ein gemeinsames Grundwassermodell erstellen. Erste Ergebnisse erwartet der Landkreis in den kommenden drei Jahren.
Berechnung hat Lücken
Nur 17 Prozent bleiben im Kreis: Von den rund 21,6 Millionen Kubikmetern Grundwasser, die 2021 im Landkreis Wolfenbüttel gefördert wurden, flossen fast zwei Drittel als Export an Industrie und Großkunden in Nachbarkreise. Quelle: Wasserversorgungskonzept Landkreis Wolfenbüttel, DHI WASY, Juni 2026; Aufteilung des Exports: eigene Berechnung auf Basis des Berichts | Grafik: Wolfenbüttel MagazinDas Gutachterbüro empfiehlt, die Eigenversorgung des Kreises zu priorisieren. Gemeint sind Bevölkerung, Landwirtschaft, Industrie und Gewerbe im Kreis sowie der Naturschutz. Lieferungen in Nachbarkreise und bestehende Wasserrechte sollen regelmäßig überprüft werden. In den angespannten Grundwasserkörpern seien neue Entnahmen nur unter strengen Auflagen möglich. Eine Entscheidungshilfe im Bericht soll dem Umweltamt helfen, kritische Anträge nachvollziehbar abzuwägen.
Die Berechnung der Reserven hat allerdings Lücken. Drei Größen fehlen: der Austausch zwischen Grundwasser und Flüssen, Einleitungen ins Grundwasser sowie unterirdische Zu- und Abflüsse. Sie könnten die Reserven verbessern. Das Gutachterbüro schlägt vor, ein vorhandenes kreisweites Wasserhaushaltsmodell entsprechend zu erweitern. Wie das finanziert werden soll, sei noch zu klären. Auch das Messnetz für Grund- und Oberflächenwasser müsse ausgebaut werden. Alle Entnahmen, auch aus privaten Brunnen und für die Feldberegnung, sollten möglichst vollständig und digital erfasst werden. Konzepte, die ganze Grundwasserkörper über Kreisgrenzen hinweg bewirtschaften, gibt es laut Bericht bisher nicht.
Masterplan des Landes bleibt vorerst ohne Folgen
Die Grundwasserentnahme im Landkreis Wolfenbüttel könnte sich bis 2100 mehr als verdoppeln, wenn bestehende Wasserrechte ausgeschöpft und geplante genehmigt würden. Die Mehrmengen gingen laut Wasserversorgungskonzept in den Export. Der Bedarf des Landkreises selbst wäre in allen drei Szenarien gedeckt. Quelle: Wasserversorgungskonzept Landkreis Wolfenbüttel, DHI WASY, Juni 2026 | Grafik: Wolfenbüttel MagazinIm Juli 2026 hat das Niedersächsische Umweltministerium seinen Masterplan Wasser vorgelegt. Er nennt drei Handlungsfelder: nachhaltiges Wassermengenmanagement, Schutz vor Wasser sowie weniger Schad- und Nährstoffe. Für Südost-Niedersachsen beschreibt er seit den 1960er Jahren sinkende Wassermengen in Niedrigwasserzeiten. Die Oker zählt der Plan zu den Flüssen, die besonders anfällig für Trockenheit sind.
Auf das Kreisgebiet heruntergebrochen habe der Landkreis bisher keine Maßnahme aus dem Masterplan. Dazu gebe es keine gesetzliche Pflicht, und das Land stelle keine Mittel bereit, begründet die Verwaltung. Eigene Haushaltsmittel dafür seien nicht eingeplant. Nun werde geprüft, was sich umsetzen lasse. Die Ergebnisse sollen in das Klimaanpassungskonzept des Landkreises einfließen. Fördermöglichkeiten würden ebenfalls geprüft.
Der Masterplan selbst verweist auf die Förderrichtlinie „Klimafolgenanpassung Wasserwirtschaft“. In der ersten von drei Antragsrunden wurden danach 74 Projekte gefördert. Auch regionale Konzepte zum Wassermengenmanagement können darüber gefördert werden. Außerdem kündigt das Land eine Niedrigwasserstrategie an, samt einem Warnsystem nach Art einer Niedrigwasserampel.
Förderung für Regenwasser im Garten
Beim Wassersparen verweist der Landkreis auf sein Förderprogramm „Klimaschutzmaßnahmen in privaten Haushalten 2026–2029“. Es bezuschusst unter anderem Anlagen, die Regenwasser versickern lassen, sowie Regenrückhalt und Regenwassernutzung. Versickerungsanlagen sind in den Samtgemeinden Sickte und Baddeckenstedt davon ausgenommen. Wer Grundwasser entnehmen will, müsse im wasserrechtlichen Verfahren Alternativen prüfen, etwa Talsperrenwasser. Ein konkreter Antrag dazu liege bisher nicht vor.
Gegen Nitrat im Grundwasser setzt der Landkreis auf die Trinkwasserschutzkooperationen. Dort werden landwirtschaftliche Betriebe beraten, wie sie mit weniger Dünger und Pflanzenschutzmitteln auskommen. Zuständig dafür ist der NLWKN. Wasserschutzgebiete passe der Landkreis an, wenn sich die zugehörigen Wasserrechte maßgeblich ändern.
Das Konzept soll laut Landkreis in der nächsten Sitzung des Umweltausschusses vorgestellt werden. Einen Beschluss brauche es nicht. Die nächste Sitzung ist für den 7. Dezember angesetzt. Ob das Konzept fortgeschrieben wird, muss der Kreistag entscheiden, denn die Projektmittel sind ausgeschöpft. Das Konzept ist unter www.lkwf.de/wasserversorgungskonzept veröffentlicht. Die aktuellen Grundwasserstände zeigt der NLWKN online unter grundwasserstandonline.nlwkn.niedersachsen.de.
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