Ist Regen ungenießbar?

Die Facebook-Seite „Nachhaltig“ schreibt am gestrigen Donnerstag einen Beitrag über „Ewigkeitschemikalien“ [12]. Das Thema ist ernst. Allerdings ist der Post an mehreren Stellen ungenau. Ein Faktencheck.
Erstens: Die zitierte Arbeit von Forschenden der Universität Stockholm und der ETH Zürich ist keine eigene Messstudie. Es handelt sich um einen Perspektivartikel. Er vergleicht vorhandene Messdaten aus Regenwasser, Böden und Oberflächengewässern mit Richtwerten.[1][2]
Zweitens: Die Aussage, Regenwasser sei überall nicht trinkbar, stützt sich auf eine Gesundheitsempfehlung der US-Umweltbehörde EPA vom Juni 2022. Sie lag bei 0,004 Nanogramm PFOA pro Liter. Ein verbindlicher Grenzwert war sie nicht.[2][3] Der Post nennt sie „aktuell“. Seit 2024 gilt in den USA jedoch ein verbindlicher Grenzwert von 4 Nanogramm pro Liter, also das Tausendfache.[4] Mit diesem Wert hat die Arbeit das Regenwasser nicht verglichen. Die EPA hält an dem Grenzwert fest. Im Mai 2026 hat sie aber vorgeschlagen, Wasserversorgern bis 2031 Zeit zu geben.[5]
Drittens fehlt Kontext, den Studienleiter Ian Cousins selbst geliefert hat. Die PFAS-Werte im Menschen seien in den vergangenen 20 Jahren deutlich gesunken. Die Werte in der Umwelt seien in dieser Zeit gleich geblieben. Geändert hätten sich vor allem die Richtwerte, weil man heute mehr über die Giftigkeit der Stoffe wisse.[6]
Viertens: Der zweite Teil des Posts ist Meinung, kein Befund. Die Kritik an einem Wirtschaftssystem, das Folgekosten auf Allgemeinheit und Nachwelt abwälzt, kann man teilen. Sie folgt aber nicht zwingend aus der Studie und sollte als Kommentar erkennbar sein.
Richtig ist: PFAS bauen sich kaum ab. Sie finden sich in Regen und Schnee bis in die Antarktis und auf dem Tibetplateau.[1][3] Die Autoren halten eine planetare Belastungsgrenze für überschritten.[1] Das ist Grund genug zur Sorge. Zuspitzung braucht es dafür nicht.
Wie sieht die Situation eigentlich für Deutschland aus?
Messungen von PFAS im deutschen Regen sind rar. Die wichtigste Arbeit zu den klassischen Stoffen ist fast 20 Jahre alt. Forschende des damaligen GKSS-Forschungszentrums Geesthacht nahmen 2007 und 2008 an einer norddeutschen Messstation zwanzig Regenproben. Sie fanden 17 Verbindungen in Summenkonzentrationen zwischen 1,6 und 48,6 Nanogramm pro Liter. Am höchsten waren meist PFOA und PFBA.[7] Neuere Messreihen zu PFOA und PFOS im deutschen Niederschlag ließen sich bei der Recherche nicht finden.
Besser untersucht ist Trifluoressigsäure (TFA). Der kleine PFAS-Stoff entsteht vor allem beim Abbau fluorierter Kältemittel. Im Auftrag des Umweltbundesamts (UBA) wurde zwei Jahre lang Niederschlag an acht Stationen des Deutschen Wetterdienstes untersucht. Die mittleren Monatswerte erreichten bis zu 4,87 Mikrogramm pro Liter. Der jährliche Eintrag lag 2018/19 bei 190 und 2019/20 bei 276 Gramm pro Quadratkilometer. Das ist mindestens drei- bis viermal so viel wie Mitte der 1990er-Jahre.[8][9] Bis 2050 rechnet das UBA allein durch das Kältemittel R1234yf mit einer Verzehnfachung.[8] Aus dem Trinkwasser lässt sich TFA nach Angaben des UBA derzeit nicht mit verhältnismäßigen Mitteln entfernen.[8]
Zum Vergleich: In Deutschland gilt seit 2026 für die Summe von 20 PFAS im Trinkwasser ein Grenzwert von 0,1 Mikrogramm pro Liter. Ab 2028 kommen 20 Nanogramm pro Liter für die Summe von vier besonders kritischen PFAS hinzu.[10][11] TFA gehört zu keiner dieser beiden Gruppen.
Quellen
[1] Cousins, I. T., Johansson, J. H., Salter, M. E., Sha, B., Scheringer, M. (2022): Outside the Safe Operating Space of a New Planetary Boundary for Per- and Polyfluoroalkyl Substances (PFAS). Environmental Science & Technology 56(16), S. 11172-11179. DOI: 10.1021/acs.est.2c02765
[2] Food Packaging Forum: Research defines PFAS planetary boundary and calculates human health costs, 2022.
[3] Hogue, C.: PFOA in rain worldwide exceeds EPA advisory level. Chemical & Engineering News, 2.8.2022.
[4] Bloomberg Law: EPA Moves to Weaken Biden-era PFAS Limits for Drinking Water.
[5] Jones Day: EPA Proposes to Rescind Certain PFAS Drinking Water Standards and Extend Compliance Deadlines for PFOA and PFOS, 20.5.2026.
[6] AFP (Viken Kantarci): Rainwater unsafe to drink due to chemicals, 10.8.2022, hier nach Manila Bulletin.
[7] Dreyer, A., Matthias, V., Weinberg, I., Ebinghaus, R. (2010): Wet deposition of poly- and perfluorinated compounds in Northern Germany. Environmental Pollution 158(5), S. 1221-1227. DOI: 10.1016/j.envpol.2010.01.030
[8] Umweltbundesamt: Trifluoressigsäure aus fluorierten Kältemitteln belastet Regenwasser. Pressemitteilung.
[9] Behringer, D. et al. (2021): Persistente Abbauprodukte halogenierter Kälte- und Treibmittel in der Umwelt. UBA Texte 36/2021.
[10] Land Schleswig-Holstein: PFAS im Grundwasser, Stand 11.3.2026.
[11] Trinkwasserverordnung (TrinkwV) vom 20. Juni 2023, BGBl. 2023 I Nr. 159, § 7 Abs. 2 und Anlage 2 Teil I.
[12] Post auf der Facebook-Seite „Nachhaltig“ vom Donnerstag, 5.11.2026.
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