Rebers zückt das semantische Skalpell

Veröffentlicht am | von Frank Schildener
Scharfzüngig, bitterböse und unterhaltsam war Andreas Rebers im Lessingtheater. Foto: Frank Schildener

Großen Beifall gibt es Freitagabend im Lessingtheater für Andreas Rebers. Charmant, amüsant und bissig bis an den Rand giftiger Boshaftigkeit wie kein zweiter spießt er den Zustand der Gesellschaft auf.

Rebers. Das ist der Mann am Klavier, der nebenbei amüsant erzählt und dem das Publikum gerne bei seinen Anekdoten und Geschichten folgt. Das ist der Mann mit dem Akkordeon, der nicht nur am E-Piano, sondern auch hier und mit der eigenen Stimme eine enorme Musikalität beweist. Das ist der Mann mit dem semantischen Skalpell, dem linguistischen Vorschlaghammer, den man mitunter erst spürt, wenn er schon eingeschlagen ist. Er ist charmanter Erzähler ebenso wie, witziger Unterhalter und scharfzüngiger Sezierer der Gesellschaft und ihrer moralischen Unvorstellungen.

Apropos Doppelmoral. Er habe als Kind gerne Hakenkreuze gemalt, findet er den Weg zur folgenden Erzählung. Es habe kein Ende des Nationalsozialismus gegeben, er sei lediglich militärisch besiegt worden. Stille im Saal. Es sei in unserer, er spricht das Volk direkt an, nationalsozialistischen DNA hinterlegt, dass wir in Sibirien keine guten Erfahrungen gemacht haben, heißt es als Antwort auf die Frage, warum uns der brennende brasilianische Regenwald mehr interessiere als die brennende sibirische Taiga. Woher das Mitgefühl für den brasilianischen Regenwald und der mediale Aufschrei? Weil in unserer bereits genannten DNA festgelegt sei, Deutsche nach dem Krieg in Brasilien eher gute Erfahrungen gemacht haben. Das sitzt. Lachen. Und im Kongo?

Der Blockwart Gottes bringt es auf den Punkt

Wichtig sei in diesem Land, das man wisse, wer Schuld habe. Bitterböse, gesprochen und wunderbar gesungen, hält uns Rebers den Spiegel vor, spießt dazu Privilegierte, Diktatoren, Religionsvertreter auf. Rebers hält uns den Spiegel vor. Manchmal bekommt der Risse. Manchmal lässt das das Publikum lachen, dann wieder bleibt ihm selbiges im Halse stecken. Andreas Rebers bringt die Dinge auf den Punkt. Man lacht über seine Erzählungen, Darbietungen und Anmerkungen und merkt dennoch: Der Mann spricht die Wahrheit. Die Gesellschaft, über die er spricht, über die wir lachen und die uns so absurd vorkommt, ist niemand geringeres als wir, die Zuschauenden selbst.

Schließlich Reverend Rebers, der Blockwart Gottes, der Türsteher der Hölle. Betreutes Denken sei nicht seins, man solle doch kein Öl ins Feuer gießen, lieber die Kirche im Dorf anzünden. Wo waren die Kirchen in der Pandemie? Woher kommt das spirituelle Koma im Land, fragt der Reverend. Zum Brüllen komisch seine Wiedergabe eines Fernsehgottesdienstes. Vom Gottesdienst zurück zu Kapitalismuskritik und Politik. Die roten Fäden, die Rebers spannt, entwickeln sich auf mitunter absurden Wegen mit ebensolchen Pointen. Zum Schluss noch einmal das Akkordeon. Und großer Beifall.

Stichworte zu diesem Beitrag: Wolfenbüttel, Lessingtheater, Kabarett, Rebers, Reverend

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